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Zwischen Markt und System – Wenn Geld sichtbar wird und Macht unsichtbar bleibt

Zwischen Markt und System | Symbolbild KI-generiert © 2026 EMH AG JS by Flux

Immer wenn im Fußball jemand laut „Kommerz!“ ruft, kann man fast sicher sein: Gleich folgt kein Gespräch über Macht. Geld eignet sich hervorragend als Ablenkung. Es glänzt, provoziert, hat Nullen und lässt sich leicht skandalisieren¹. Macht dagegen sitzt meist in Sitzungsräumen ohne Fenster, kommt ohne Trikot aus und braucht keine Pressekonferenz. Sie wirkt leise – und genau darin liegt ihre Stärke.

Nehmen wir Leipzig, Hoffenheim oder Leverkusen. Drei Namen, drei fest einstudierte Reflexe. „Retortenklub“, „Konstrukt“, „Plastik“. Die Begriffe sitzen so fest, dass kaum noch jemand fragt, was hier eigentlich kritisiert wird. Geht es um sportlichen Erfolg, um Finanzierung – oder schlicht darum, dass diese Vereine das Spiel nicht nach den alten, informellen Regeln spielen?² Denn genau das ist der eigentliche Affront: Diese Modelle machen Geld sichtbar. Und Sichtbarkeit ist gefährlich – nicht für den Fußball, sondern für jene, die jahrzehntelang davon profitiert haben, dass ihre Macht unsichtbar blieb.

Der moderne Fußball hat das Geld aus dem Hinterzimmer geholt und auf die Bühne gezerrt. Transfersummen stehen auf Social Media, Sponsorenlogos auf der Brust, Investoren im Handelsregister. Man kann sie benennen, kritisieren, ablehnen. Das fühlt sich befreiend an. Endlich ein Gegner mit Adresse. Macht hingegen bleibt nebulös. Sie wohnt in Verbänden, Ausschüssen und Gremien. In Frankfurt, in Lyon, in Zürich. Sie entscheidet über Spielpläne, Einnahmenverteilungen, Sanktionen und Wettbewerbsformate. Und sie stellt sich erstaunlich selten selbst infrage. Organisationen wie die FIFA oder die UEFA stehen nicht nur für Turniere und Regeln, sondern für gewachsene Machtarchitekturen, die sich selbst stabilisieren³.

Wer glaubt, der Fußball sei „früher“ weniger ökonomisch gewesen, sollte einen Blick in die Geschichte werfen. Bayern München und seine politischen Netzwerke, Real Madrid und die Nähe zum franquistischen Staat, italienische Vereine mit direkten Drähten in Politik und Justiz – Geld floss auch damals⁴. Nur diskreter. Und ohne Excel-Tabellen für die Öffentlichkeit. Der Ehrenpräsident war kein Romantiker. Er war ein Investor ohne Bezeichnung. Der lokale Bauunternehmer, der das Stadion mitfinanzierte, tat das nicht aus Liebe zum Abseits. Er tat es, weil Einfluss Rendite hatte – sozial, politisch, wirtschaftlich. Nähe ersetzte Vertrag, Loyalität ersetzte Kontrolle.

Der Unterschied zur Gegenwart liegt deshalb nicht im Prinzip, sondern im Verfahren. Heute gibt es Verträge statt Versprechen, Bilanzen statt Bauchgefühl, Compliance statt „das regeln wir intern“. Das wirkt kalt. Aber es ist überprüfbar. Und Überprüfbarkeit ist der natürliche Feind informeller Macht⁵. Vielleicht erklärt das, warum sich der öffentliche Zorn so zuverlässig auf neue Vereinsmodelle konzentriert. Sie sind leicht zu markieren. RB Leipzig trägt sein System im Namen, Hoffenheim hatte einen Mäzen mit Gesicht, Leverkusen gleich einen Konzern im Wappen. Man kann sie anpfeifen, ohne fragen zu müssen, wer eigentlich seit Jahrzehnten die Regeln schreibt.

Während man sich über Investoren empört, bleibt auffallend still, wie Gelder verteilt werden. Warum bestimmte Ligen strukturell profitieren. Warum manche Entscheidungswege nahezu unantastbar sind. Warum Reformen regelmäßig dort enden, wo sie den Kern der Macht berühren. Der Markt wird moralisiert. Das System wird naturalisiert. Dabei ist der Markt nicht das eigentliche Problem. Er zwingt zumindest zur Offenlegung. Das System hingegen lebt von Gewohnheit, von dem beruhigenden Satz: „Das war schon immer so.“ Und nichts ist mächtiger als ein „Schon immer“. Professionalisierung bedeutet in diesem Kontext nicht, Geld zu feiern. Sie bedeutet, Macht zu benennen, Zuständigkeiten klarzumachen und Entscheidungen erklärungspflichtig zu machen. Kurz: den Fußball regierbar zu halten. Wer das ablehnt, verteidigt selten den Sport. Er verteidigt eine Ordnung, in der Einfluss nicht erklärt werden musste – sondern einfach da war.

Quellenverzeichnis:

 

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