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Nach der Macht geht die Romantik

Seele des Fußballs | Symbolbild KI-generiert © 2026 EMH AG JS by Flux

Was bleibt, wenn die Romantik geht, und warum das gar nicht so schlimm ist

Irgendwann, meist gegen Ende jeder Fußballdebatte, senkt sich die Stimme. Dann kommt dieser eine Satz, halb seufzend, halb warnend: „Ja, aber der Fußball verliert doch seine Seele.“ Es ist der Moment, in dem alle kurz nicken. Aus Respekt. Oder aus Müdigkeit. Denn gegen die Seele argumentiert man nicht. Sie ist definitionsgemäß unantastbar – und genau deshalb ein hervorragendes Schutzschild.¹

Die unangenehme Wahrheit lautet: Der Fußball verliert gerade keine Seele. Er verliert Gewissheiten. Und das fühlt sich für viele fast genauso schlimm an. Die Romantik des Fußballs war immer selektiv. Sie funktionierte großartig für jene, die sich auskannten, laut waren, belastbar. Für jene, die wussten, wo man steht, wann man schweigt und wem man besser nicht widerspricht. Für alle anderen war sie, freundlich formuliert, ausbaufähig².

Trotzdem verklären wir sie gern. Die Stehtribüne als Sehnsuchtsort. Die Kurve als moralische Instanz. Die „gute alte Zeit“, in der alles rau, ehrlich und angeblich frei war. Dass diese Freiheit häufig auf Kosten anderer ging, taucht in der Erinnerung eher selten auf. Erinnerungen sind höflich. Realität ist es nicht.

Was heute als Verlust beschrieben wird, ist in Wahrheit ein Machtverzicht. Der Verzicht darauf, Räume stillschweigend zu kontrollieren. Der Verzicht darauf, Regeln situativ auszulegen. Der Verzicht darauf, Lautstärke mit Legitimation zu verwechseln. Moderner Fußball ist ernüchternd. Er rechnet, dokumentiert, erklärt. Er lässt sich kritisieren – und notfalls verklagen. Das ist unerquicklich für alle, die vom Ungefähren lebten. Aber es ist ein Fortschritt für jene, die bislang nie gefragt wurden, ob sie sich eigentlich sicher fühlen oder willkommen³.

Ironischerweise wird genau das als Entfremdung beklagt. Dabei war der größte Trick des alten Fußballs, sich selbst für unpolitisch zu halten. Für unkommerziell. Für irgendwie „rein“. In Wahrheit war er vor allem unreflektiert. Er funktionierte, solange Loyalität Kontrolle ersetzte und Emotion Verantwortung.

Der heutige Fußball kann sich das nicht mehr leisten. Er ist zu groß, zu sichtbar, zu wirksam. Er steht unter Beobachtung – von Medien, von Politik, von Millionen Zuschauern, die nicht alle gleich denken, fühlen oder jubeln. Organisationen wie die FIFA oder der Deutscher Fußball-Bund sind Teil dieser Öffentlichkeit – und damit auch Teil ihrer Kritik⁴. Und ja: Das ist anstrengend. Erwachsenwerden ist immer anstrengend. Es bedeutet, dass man nicht mehr sagen kann: „Das war schon immer so.“ Entscheidungen müssen begründet, Macht erklärt, Traditionen hinterfragt werden.

Aber es bedeutet auch Teilhabe. Ein Fußball, der Regeln ernst nimmt, wird nicht leiser. Er wird breiter. Zugänglicher für Menschen, die keine Lust auf Dominanzrituale haben. Für Familien. Für Kinder. Für jene, die Fußball lieben, ohne ihn verteidigen zu wollen wie eine Festung. Vielleicht ist das der eigentliche Kulturwandel: Der Fußball hört auf, ein Initiationsritus zu sein, und wird ein öffentlicher Raum. Kein perfekter, kein konfliktfreier. Aber einer, der mehr aushält als früher⁵.

Die Machtfrage verschwindet dabei nicht. Sie tut es nie. Sie verändert nur ihre Gestalt. Der Unterschied liegt darin, ob sie sichtbar, kritisierbar und verhandelbar ist – oder ob sie sich hinter Symbolen und Mythen versteckt.

Am Ende bleibt, trotz allem, ein erstaunlich simples Spiel. Ein Ball. Zwei Tore. Neunzig Minuten. Ein Moment, der kippt. Daran hat sich nichts geändert. Alles andere sind Versuche, diesen Moment in einer Welt zu organisieren, die größer, lauter und vielfältiger geworden ist. Wenn das weniger romantisch ist als früher, dann vielleicht nur deshalb, weil Romantik immer exklusiv war.

Der Fußball verliert nicht seine Seele. Er verliert seine Ausreden. Und vielleicht ist genau das die Voraussetzung dafür, ihm neu zu begegnen: nicht als Hüter eines Mythos, sondern als Mitgestalter eines Spiels, das größer ist als unsere Erinnerungen – und robuster, als wir ihm oft zutrauen.

Quellenverzeichnis:

 

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