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Glaubhaft – aber nicht bewiesen: Der gefährliche Moment im Fall Kuntz“

Der gefährliche Moment im Fall Kuntz | Symbolbild KI-generiert © 2026 EMH AG JS by Flux

Der Schock sitzt tief beim Hamburger SV. Nach der überraschenden Trennung von Sportvorstand Stefan Kuntz wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung trat der Aufsichtsrat am Montagmorgen erstmals vor die Öffentlichkeit. Die Botschaft war nüchtern, fast kühl: Man habe nach intensiver Prüfung die Erkenntnis gewonnen, dass die Vorwürfe „glaubhaft“ seien¹. Ein Wort, das schwer wiegt – juristisch wie moralisch. Der HSV, ein Klub mit Historie und Selbstanspruch, sieht sich plötzlich in einem Sturm aus Medien, Mutmaßungen und öffentlicher Empörung wieder. Und wie so oft stellt sich die Frage: Sind es harte Fakten – oder reicht schon der Verdacht, um Karrieren zu beenden?

Glaubhaft – aber bewiesen? Die heikle Gratwanderung

Der Aufsichtsrat betonte, man habe interne Gespräche geführt, Hinweise geprüft und externe Beratung hinzugezogen¹. Doch was genau bedeutet „glaubhaft“? Juristisch ist das kein Schuldspruch, sondern eine Einschätzung. Strafrechtliche Ermittlungen sind öffentlich bislang nicht bestätigt². Genau hier beginnt die Grauzone: Zwischen notwendigem Schutz potenzieller Betroffener und dem Grundsatz der Unschuldsvermutung. Der HSV wollte offenbar handeln, bevor der Druck explodiert – ein präventiver Befreiungsschlag. Kritiker sprechen bereits von Vorverurteilung, Befürworter von Verantwortung. Klar ist: In Zeiten sozialer Medien reicht oft ein Vorwurf, um irreversible Schäden anzurichten³.

Schweigen als Strategie – der „neue Kachelmann“-Reflex?

Auffällig: Stefan Kuntz selbst äußerte sich bislang nicht öffentlich. Keine Stellungnahme, kein Dementi, kein emotionales Statement. Für manche erinnert das an den Fall Jörg Kachelmann, der jahrelang schwieg, während sein Ruf öffentlich zerlegt wurde – und später vor Gericht freigesprochen wurde⁴. Schweigen kann Schutz sein, aber auch Projektionsfläche. In der aufgeheizten Debatte wird jedes Nicht-Wort interpretiert, jede Pause ausgeschlachtet. Der HSV-Aufsichtsrat betonte, man respektiere die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten¹. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung gilt oft: Wer schweigt, hat etwas zu verbergen – ein gefährlicher Kurzschluss.

Aufklärung statt Tribunal – ein Balanceakt mit Sprengkraft

Der Fall Kuntz zeigt exemplarisch, wie sensibel Organisationen heute agieren müssen. Einerseits wächst der gesellschaftliche Anspruch, Vorwürfe ernst zu nehmen und konsequent zu handeln. Andererseits droht der Verlust rechtsstaatlicher Maßstäbe, wenn interne Bewertungen an die Stelle von Gerichten treten. Der HSV kündigte an, die internen Prozesse weiter aufzuarbeiten und Transparenz zu schaffen¹. Das ist richtig – aber es braucht Maß. Aufklärung darf kein Tribunal werden, und Glaubhaftigkeit kein Ersatz für Beweise. Am Ende bleibt ein bitterer Beigeschmack: Ein verdienter Funktionär ist weg, ein Klub beschädigt, viele Fragen offen. Und die wichtigste davon lautet: Wie schützt man Betroffene, ohne Unschuldige zu opfern?

Quellverzeichnis:

  • [¹] Bild.de – „HSV trennt sich von Stefan Kuntz nach Belästigungsvorwürfen“ | 12.01.2026
    „Der HSV gab am Sonntagabend bekannt, dass man sich mit sofortiger Wirkung von Sportvorstand Stefan Kuntz getrennt habe.“ | Abrufdatum: Montag, 12.01.2026
    https://www.bild.de/…
  • [²] Bild.de – „HSV-Aufsichtsrat äußert sich zum Fall Kuntz“ | 12.01.2026
    „Der Aufsichtsrat erklärte, man sei nach intensiver interner Prüfung zu der Einschätzung gelangt, dass die Vorwürfe glaubhaft seien.“ | Abrufdatum: Montag, 12.01.2026
    https://www.bild.de/…
  • [³] Wikipedia – „Unschuldsvermutung“ | 15.08.2024
    „Die Unschuldsvermutung ist ein rechtsstaatliches Prinzip, wonach jede Person bis zu ihrer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig gilt.“ | Abrufdatum: Montag, 12.01.2026
    https://de.wikipedia.org/wiki/Unschuldsvermutung
  • [⁴] The Guardian – „Trial by media: when accusations destroy reputations“ | 03.11.2023
    „Media-driven accusations can have lasting consequences regardless of later legal outcomes.“ | Abrufdatum: Montag, 12.01.2026
    https://www.theguardian.com/…
  • [⁵] Wikipedia – „Kachelmann-Prozess“ | 21.07.2024
    „Der Fernsehmoderator Jörg Kachelmann wurde 2011 in allen Anklagepunkten freigesprochen.“ | Abrufdatum: Montag, 12.01.2026
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kachelmann-Prozess
  • [⁶] Bild.de – „HSV betont Schutz der Persönlichkeitsrechte im Fall Kuntz“ | 12.01.2026
    „Der Klub erklärte, man werde trotz öffentlicher Debatte die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten wahren.“ | Abrufdatum: Montag, 12.01.2026
    https://www.bild.de/…

 

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